innerhalb des GEREDE "Dresdner Lesben, Schwule, Transen und alle anderen" e.V.
h.b.k., oktober/november 2002
dieser text erhebt nicht den anspruch, begriffe endgültig definieren zu wollen, sondern will deren herkunft und bedeutungsänderung aufzeigen sowie auf probleme im umgang mit ihnen hinweisen.
dabei stehen soziologische, psychologische und medizinische definitionen auf der einen seite, die selbstdefinition von "betroffenen" auf der anderen. etwa in dieser reihenfolge ist auch der text abgefasst: zunächst die soziologische sicht auf "geschlecht", danach die psychologische definition von geschlechtsidentität und geschlechtsidentitätsstörungen, die begriffe transvestiten und transsexuelle sind ebenso medizinisch-psychologischer herkunft und in den daran anschliessenden abschnitten geht es um die übernahme der begriffe durch die "betroffenen" bzw. deren selbstdefinitionen und selbstbezeichnungen.
geschlecht hat im deutschen zunächst nur einen begriff. es ist sowohl alltagsbegriff als auch biologisch-medizinische und sozialwissenschaftliche kategorie.
von biologen und medizinern werden morphologisches1, gonadales2 und genetisches3 / chromosomales4 geschlecht unterschieden. es genügt kein einzelnes kriterium zur geschlechtsunterscheidung, es wird sogar von einer großen variationsbreite ausgegangen. eine konkrete zuordnung kann somit nur statistisch "gesichert" erfolgen. große abweichungen werden hernach pathologisiert5 (intersexualismus). [vgl. börner01]
in den 50er und 60er jahren fand zuerst im anglo-amerikanischen raum eine terminologische6 trennung zwischen natürlichem, körperlichen geschlecht (sex) und kulturell geformten, psycho-sozialen geschlecht (gender) statt. [börner01 nach lindemann95]
die ausschließlich biologische betrachtungsweise wurde in den sozialwissenschaften durch eine sichtweise abgelöst, die gesellschaftliche einflussfaktoren zumindest mit ins kalkül zog. vor allem die frauenforschung in den 70er und 80er jahren führte gender in abgrenzung zu sex in die sozialwissenschaftliche diskussion ein. [börner01 nach böhnisch96]
die biologisch vorhandenen unterschiede zwischen männern und frauen werden durch gesellschaftliche einflüsse, vor allem sozialisationsprozesse, überformt. und auch die kriterien zur feststellung der biologischen unterschiede sind als solche nicht ausschliesslich objektiv sondern bereits gesellschaftlich produziert. [börner01]
geschlechtsidentität ist ein begriff der psychologie, der phänomänologisch7 wie terminologisch6 am schnittpunkt zweier begriffe steht: dem geschlecht als festgefügte strukturelle zugehörigkeit zu einer biologisch und ontogenetisch8 determinierten9 einheit (die als dauerhaft angenommen wird) auf der einen seite und identität als dynamisches und geschichtliches prozessgeschehen auf der anderen seite. [vgl. hartmannbecker02]
in ihrem ersten buch "das unbehagen der geschlechter" [butler91] hatte judith butler die these aufgestellt, dass die geschlechtsidentität nichts natürlich gegebenes sein, sondern sozial, kulturell und sprachlich unablässig konstruiert werde.
was für die einzelne person zumeist subtil und unbewusst vonstatten geht, tritt bei den sogenannten geschlechtsidentitätsstörungen in den vordergrund - in dem bewusstsein oder -werden, wie sehr man damit beschäftigt ist, geschlecht dar- oder herzustellen. [vgl. hartmannbecker02]
die prozesse, die das geschlechtliche grundempfinden und dessen ausgestaltung bestimmen, werden zunehmend zu einer individuellen aufgabe, bei der die sozial vorgegebenen und bahnenden faktoren an einfluss verlieren.
gleichermassen konstatieren psychologen eine gestiegene anzahl von personen, die als personen mit geschlechtsidentitätsstörungen in erscheinung treten, da der körper in besonderer weise als schicksal empfunden wird, als hindernis, "richtige" männer oder frauen sein zu können und als solche wahrgenommen und akzeptiert zu werden. [vgl. hartmannbecker02]
(an dieser stelle sei angemerkt, dass hormonelle, operative und juristische massnahmen nicht an psychologischen gutachtern vorbei durchzusetzen sind. die feststellung einer geschlechtsidentitätsstörung ist vorausssetzung für die behandlung. - sowohl diagnose als auch behandlung sind auf den umgang der/des einzelnen mit der norm der gesellschaft abgestellt. die diagnose der gesellschaftlichen verhältnisse als problem sowie deren änderung sind nicht anliegen der medizinischen und juristischen massnahmen.)
transvestitismus und transsexualismus sind begriffe, die zu beginn des 20. jhdts geprägt wurden und bis heute im deutschen sprachraum am bekanntesten für die beschreibung von kleidertausch und geschlechtswechsel sind.
Magnus Hirschfeld beschrieb 1910 in seinem buch "die transvestiten - eine untersuchung über den erotischen verkleidungstrieb" das phänomen7 des tragens der kleider des anderen geschlechts als ausdrucksform innerer persönlichkeit. er grenzte es ab von der bis dahin erfolgten zuordnung zur homosexualität und bezeichnete es als transvestitisch (von trans = entgegengesetzt und vestis = kleid). [vgl. börner01, hartmannbecker02]
in der auseinandersetzung um die beschreibung der phänomene7 wurde dieser begriff schon 1913 von Havelock Ellis kritisiert, da er sich zu sehr auf kleidertausch bezieht, es bei vielen der untersuchten fälle aber vielmehr um die übernahme der entgegengesetzten geschlechtsrolle ging. 1923 benutzte Hirschfeld erstmals (synonym zu seiner bisherigen nutzung des begriffs transvestitismus) den begriff seelischer transsexualismus. [vgl. börner01, hartmannbecker02]
die heute bekannte differenzierung beider begriffe geht auf das wirken von D. C. Cauldwell (1949) und Harry Benjamin (1953) zurück.
dabei bezeichnet transvestitismus das zeitweilige oder andauernde tragen gegengeschlechtlichlicher kleidung. (in einigen medizinischen klassifikationen setzt es zudem sexuelle erregung beim tragen dieser kleidung vorraus - fetischismus). ein englisches synonym (welches ohne den zusatz der sexuellen erregung auskommt) ist cross-dressing. [vgl. börner01]
als transsexuell werden i.a. menschen bezeichnet, die sich dem ihrer biologie konträren geschlecht zugehörig fühlen und entsprechende körperliche veränderungen durch hormonelle und operative massnahmen anstreben. die diesbezüglichen klassifikationen und diagnostischen kriterien unterliegen permanenten veränderungen. [vgl. hartmannbecker02]
generell ist zu bedenken, dass sich beides nicht klar voneinander abgrenzen lässt und auch stufenmodelle zwischen beiden begriffen nicht die gesamte problematik abdecken.
anders als noch vor zehn jahren in medizinischer fachliteratur zu lesen war, hat sich auch die benutzung der begriffe "mann" und "frau" auf transsexuelle verändert.
wenn also in veröffentlichungen von transsexueller frau oder transsexuellem mann gesprochen wird, so war früher das biologische geschlecht vor der transition und ist heutzutage zumeist das wunschgeschlecht gemeint. daher wird nun entweder von mann-zu-frau-transsexuellen (oder mzf-ts) oder frau-zu-mann-transsexuellen (fzm-ts) gesprochen.
die trans-community geht noch zwei schritte weiter: erstens spricht sie von transfrauen (oder tf, gemeint ist damit mann-zu-frau-trans*) und transmännern (oder tm, für frau-zu-mann-trans*). und zweitens beziehen sich beide begriffe nicht ausschliesslich auf transsexuelle im medizinischen sinne, sondern auch auf menschen, die keine oder nur einen teil medizinischer und juristischer massnahmen anstreben oder durchgeführt haben.
(einige transsexuelle akzeptieren diese bezeichnungen nur für die zeit zwischen coming out und dem abschluss der geschlechts-angleichenden operationen und der names- und personenstandsänderung und lassen sich danach nicht mehr als transsexuell bezeichnen. viele andere benutzen die begriffe auch "danach" als selbstbeschreibung.)
den begriff transgender prägte Virginia Charles Prince in den 70er jahren. die amerikanerin erfand den ausdruck, weil es bis dahin kein passendes wort für ihre lebensform gab: sie lebte als frau, war körperlich mann. [vgl. hertzer99]
aus diesem ursprung ist zu erklären, dass sich einige transsexuelle von diesem begriff abgrenzen, weil im unterschied zu ihrem lebensweg das leben der geschlechtsrolle nicht mit medizinischen und juristischen mitteln unterstützt wird und sie diesen begriff für die "bunten talkshow-vögel", teilzeit-transen oder eben anderweitig nicht-transsexuellen reservieren.
jedoch wurde der begriff transgender inzwischen, wie im internationalen bereich, auch durch die deutschsprachige community zum sammelbegriff für menschen erhoben, die ihr geschlecht zeitweise oder dauerhaft "wechseln". er schliesst somit auch transsexuelle ein.
problematisch an transgender als überbegriff erscheint, dass in ihm der wunsch körperlicher veränderungen, wie sie durch transsexuelle angestrebt werden, vollständig durch die problematik der geschlechtsrolle verdrängt wird. somit wird der begriff auch von einer weiteren gruppe von trans-menschen abgelehnt:es geht ihnen nicht um den wechsel der geschlechtsrolle, da sie ohnehin bereits in einer anderen (ihrem "angeborenen" geschlecht entgegengesetzten) oder einer von klischees völlig unabhängigen sozialen rolle agiert haben. ihnen geht es vielmehr um die beschreibung der selbstwahrnehmung und körperlichen veränderung.
viele "betroffene" lehnen den begriff transsexualität ab, weil sie nicht ihre sexualität (im sinne von sexuellen handlungen) verändern möchten, sondern ihren körper und die wahrnehmung ihres geschlechts durch andere an ihr eigenes selbstverständnis angleichen. tatsächlich birgt der begriff transsexualität das potential für falsche assoziationen10. [vgl. transmannXX]
zudem spielt die emanzipation11 der community von den durch medizinern und psychologen geprägten begriffen und lösungen eine rolle.
transidententität ist ursprünglich ein deutsches pendant zum begriff transgender - mit der gleichen entwicklung: von der abgrenzung zur transsexualität zum überbegriff. es ist verbal eine kombination der trans*-begriffe mit geschlechtidentität. dieser begriff scheint sowohl frei von der missverständlichkeit der sexualität als auch frei von der einseitigkeit des begriffes transgender. aber auch er ist nicht unumstritten.
zum einen wird der begriff der identität oft als negativ besetzt betrachtet, identitätsfindung als ein normierender prozess verurteilt. dies resultiert offenbar aus den vorbehalten von sozialwissenschaftlerinnen gegen das konzept "kollektiver indentität". dieser pauschalen kritik wäre entgegenzusetzen, dass der begriff transidentität gar nicht in diesen zusammenhang zu stellen ist.
zum anderen ist der begriff nicht ohne kontext12 zu verstehen, denn transidentität könnte beispielsweise auch zwischen ossis und wessis existieren.
die liste von trans-begriffen ist mit diesen erläuterungen noch lange nicht erschöpft. vor allem treten viele verschiedene englische begriffe auf, die unterschiedliche variationen beschreiben bzw. der selbstdefinition dienen. (z.b. drag queen, drag king, gender blender, gender bender, intergender)
vielleicht ist es im gesellschaftlichen umgang mit übergreifender bedeutung tatsächlich am allerbesten, von trans-menschen zu reden. obgleich der begriff sich ebenso wie trans-identität nur im kontext12 erklärt, hätte er keinerlei negativen beigeschmack - zumindest nicht, wenn wir uns nur auf die erde beziehen.
bei der verwendung des begriffes transe ist zu berücksichtigen, ob sich menschen selbst als transen bezeichnen (es also als absender verwenden) oder ob trans-menschen angesprochen oder beschrieben werden sollen. der begriff transe bedarf einer selbstbestimmten und selbstbewussten verwendung, um seinen wert als schimpfwort zu untergraben.
da sich dieser text im rahmen des web-angebotes von transID an ein nicht-wissenschaftliches publikum wendet, sind an dieser stelle einige weitere fremdworte erläutert.
[böhnisch96]
lothar böhnisch: pädagogische soziologie. eine einführung.
weinheim/ münchen: juventa 1996.
[börner01]
nicole börner: grenzgänger zwischen den geschlechtern - männer in frauenkleidern. eine qualitative studie.
diplomarbeit - technische universität dresden, philosophische fakultät, institut für soziologie 2001.
[butler91]
judith butler: das unbehagen der geschlechter.
taschenbuch - 237 seiten, suhrkamp 1991. (englische erstausgabe: 1990)
originaltitel: gender trouble.
[butler93]
judith butler: körper von gewicht. die diskursiven grenzen des geschlechts.
taschenbuch - 385 seiten, suhrkamp 1997. (englische erstausgabe: 1993, deutsche erstausgabe: 1995)
originaltitel: bodies that matter.
[hertzer99]
karin hertzer: mann oder frau. wenn die grenzen fließend werden.
taschenbuch - 220 seiten, ariston-vlg., münchen 1999.
[hartmannbecker02]
uwe hartmann, hinnerk becker: störungen der geschlechtsidentität. ursachen, verlauf, behandlung.
taschenbuch - 270 seiten, springer verlag 2002.
[lindemann95]
gesa lindemann: geschlecht und gestalt: der körper als konventionelles zeichen der geschlechterdifferenz. in: gertrud koch
(hg.): auge und affekt. frankfurt a.m.: fischer 1995.
[transmannXX]
transmann e.v.: f.a.q. - häufig gestellte fragen zum thema trans* und ihre antworten.
http://www.transmann.de/...